Wer immer nur ranklotzt, um maximale Leistung zu bringen und sich selbst zu optimieren, wird irgendwann gegen eine Wand laufen. Vielen Dank an Martina Pahr, Autorin des Ratgebers „Sorg für dich selbst, sonst sorgt sich keiner“, für diesen Gastartikel, über die Gefahr, die in der Selbstoptimierung liegt.

Da bastelst du also an der Karriere, gibst der Familie alles an quality time, was du aufbringen kannst, pflegst gewissenhaft deine Freundschaften und vertreibst dir die restliche Zeit damit, „die beste Version“ deiner selbst zu werden: Workshops, Sport, gute Ernährung, gute Gewohnheiten, gute Bücher, die dich weiterbringen. Und irgendwann hängst du in den Seilen und fragst dich, wie es so weit kommen konnte. Ich kann es dir verraten: Weil du nicht gut für dich selbst sorgst.

Bitte versteh mich nicht falsch: Du gibst wahrscheinlich alles, was du hast, und das ist meistens auch gut so. Aber manchmal ist „alles“ einfach zu viel! Wir Menschen sind nicht unbegrenzt belastbar, und gerade jene, die den Anspruch haben, das Maximum aus sich, ihrem Job und ihrem Leben herauszuholen, ignorieren das gern einmal. Das Anliegen ist hier weder die Work-Life-Balance noch die bestmögliche Organisation deines Tages, sondern vielmehr die Wertschätzung, die du dir selbst entgegenbringst. Nimmst du deine echten Bedürfnisse achtsam wahr? Bist du dir überhaupt bewusst, was du wirklich brauchst – und bist du dir wert, es dir auch zu geben?

Wenn Selbstmanagement zur Selbstoptimierung wird, leidet darunter eine ganz wesentliche Qualität: die Selbstakzeptanz. Die steht für viele am Ziel der ganzen Mühen („Wenn ich erst xy bin, habe, kann – dann …“) – und sollte eigentlich die solide Grundlage sein, auf der wir aufbauen, um unsere Visionen Wirklichkeit werden zu lassen.

Akzeptierst du dich und deine Kapazitäten?

Selbstakzeptanz bedeutet nicht Blindheit gegenüber den eigenen Schwächen. Du kannst dich mit allen Eigenheiten, allen Schwächen und Stärken, voll akzeptieren und dennoch daran arbeiten, dich weiterentwickeln und zu lernen. Ganz im Gegenteil bedeutet es vielmehr, dass wir uns selbst klar sehen und erkennen als das, was wir sind – und nicht das, was wir gerne wären. Wenn wir unser So-Sein nicht annehmen, sondern ignorieren, leugnen und mit Macht verdrängen, kämpfen wir dagegen an, dass die Erde nass wird, wenn es regnet. Und dieser Widerstand ist nicht nur absolut sinnlos, sondern kostet unendlich viel Kraft, die du anderswo besser gebrauchen könntest. 

Vielleicht ist es ja nun tatsächlich so, dass du zu jener seltenen Spezies gehörst, die mit unendlichen Kraftreserven gesegnet ist: Superheld*innen. Was du in Angriff nimmst, kannst du stemmen; dein Tag hat ungefähr 48 Stunden, von denen keine Minute „sinnlos verbraten“ wird; du wirst nie müde, einer Sache niemals überdrüssig und bleibst immer auf dem Superlevel, solange du nicht mit deinem persönlichen Kryptonit in Berührung kommst. 

Falls dies jedoch nicht der Fall ist, dann mach es zu deinem Anliegen, deine Kapazitäten kennenzulernen und mit ihnen hauszuhalten. Du schaffst vieles über einen gewissen Zeitraum, selbst wenn du dich dabei latent übernimmst. Bis irgendwann dann Schicht im Schacht ist und gar nichts mehr geht. Dann hilft auch keine Zuckerbrause, die im Geschmack an mutierte Gummibärchen erinnert, um dir Flügel zu verleihen.

Wir wettern zu Recht über den Raubbau, den die Industrie an den natürlichen Ressourcen der Erde betreibt. Im Alltag verfahren wir mit unseren eigenen Ressourcen aber oft genug auf die gleiche Weise: Wollen ohne Wertschätzung und Achtsamkeit immer nur nehmen, als ob es kein Morgen gäbe, und stellen keinen Ausgleich her für das, was wir bekommen.

Kennst du deine Bedürfnisse?

Wenn du kompetent für dich sich sorgen willst, musst du lernen, zu akzeptieren, dass es Dinge gibt, mit denen du manchmal überfordert bist, oder Zeiten, in denen dir einfach die Puste ausgeht. Du musst lernen, jederzeit eine Inventur deiner Kapazitäten zu erstellen: Kannst du dieses oder jenes noch zusätzliche stemmen, oder ist es die eine Last, die dir das Kreuz brechen wird? Bringt dir dein Einsatz an Aufwand, Zeit und Kraft tatsächlich mehr Energie, als er dich kostet, gleich in welcher Form? Lerne zu erkennen, wann und wie sich diese Energien die Waage halten. Und wo das nicht der Fall ist, gewöhne dir ein klares „Nein danke“ an. 

Wenn du weißt, was du wirklich brauchst (nicht willst, nicht gern hättest … sondern BRAUCHST), kannst du die richtigen Prioritäten setzen. Vielleicht glaubst du nur, dass du Anregung brauchst und unter Menschen sein willst – und brauchst in Wirklichkeit einfach  Ruhe und Zeit für dich. Erforsche deine echten Bedürfnisse einmal gründlich, und zwar auf Grundlage der Akzeptanz, dass du jetzt so bist, wie du bist, und nicht so, wie du vielleicht nach fünf Monaten Krafttraining oder der Fortbildung sein wirst oder vor der Schwangerschaft warst. 

Selbstakzeptanz statt Selbstoptimierung

Unser Energielevel und unsere Belastbarkeit sind nicht immer konstant hoch. Quäle dich also nicht damit, wenn du einmal unter deinem persönlichen Eichstrich bleibst, sondern reagiere mit Verständnis darauf. Gönn dir eine Auszeit, auch wenn sie auf Kosten einer Selbstoptimierungsmaßnahme geht. Und wenn du ständig deinen eigenen Maßstäben und Vorgaben hinterherhinkst, dann nimm es gerne als Anregung, diese einmal zu hinterfragen. Verschwende keine Energie an ein Ideal, das nie zu erreichen ist: Der jederzeit zu 100 Prozent belastbare, jederzeit einsatzbereite, nie erholungsbedürftige Übermensch. Die Rollen von Wonder Woman und Superman sind schon vergeben.

Vielleicht magst du einmal ausprobieren, wie es dir damit ergeht, deine Energie in Selbstakzeptanz zu investieren anstatt in Selbstoptimierung? Oder du möchtest ergründen, in welche Richtungen deine Kapazitäten reichen: nicht nur in die Höhe, sondern auch in die Breite. Vielleicht liegt für dich in der Muße eine bisher ungenutzte Quelle der Kreativität. Vielleicht verwirklichst du dein höchstes Potential, wenn du Kraft in der Natur tanken kannst. Vielleicht bringt es dir enorm viel, mitten in der Woche mal eine Nacht durchzutanzen. 

Es geht bei alledem nicht nur um Lebensqualität, sondern auch den Erhalt deiner körperlichen und geistigen Gesundheit. Wenn du für dich selbst sorgst, hast du an beidem länger Freude – versprochen!

Unterm Strich

Wenn du in den Seilen hängst, ist nur eine*r dafür verantwortlich: du selbst.

Bringst du dir Wertschätzung entgegen oder beutest du dich selbst aus?

Mach dir klar: Solange du nicht Wonder Woman oder Superman bist, bist du nicht unbegrenzt belastbar.

Wenn du akzeptierst, was und wie du jetzt, im aktuellen Moment, bist, statt dagegen anzukämpfen, gewinnst du viel an Energie.

Lerne deine wahren Bedürfnisse kennen – und nimm sie ernst.

Mach den Erhalt deiner körperlichen und geistigen Gesundheit zur Priorität.

Über die Autorin:

Martina Pahr hat in ihren Zeiten als Fernsehredakteurin, Reiseleiterin und PR-Fachfrau gelernt, für sich selbst zu sorgen – was ihr jetzt als freie Autorin ganz entschieden hilft. Sie lebt und arbeitet im Sommer meist in Schottland, im Winter in Asien und zwischendrin in München, wo sie ihren Blog www.besterblogderwelt.de vernachlässigt. Ihr Ratgeber „Sorg für dich selbst, sonst sorgt sich keiner!“ ist gerade im mvg-Verlag erschienen.

www.martinapahr.de